Stadtarchiv: 1 Euro-Kräfte sollen gegen Schimmel kämpfen / Nur Kenntnisnahme statt Startschuss


Schimmelbefall auf Aktendeckeln. H1-Foto: Stadt Hattingen

(LRF) Bereits seit Mai 2005 müssen die Mitarbeiter des Stadtarchivs Schutzanzüge überstreifen, wenn sie aus den Kellerräumen der Verwaltungsnebenstelle in Welper Dokumente benötigen. Grund für die seit Frühjahr 2009 auch aktenkundige Gesundheits- gefährdung: Schimmelpilz, der sich auf rund 10 Prozent der Akten im so genannten Zwischenarchiv der Stadtverwaltung ausgebreitet hat. Vom Haupt- und Finanzausschuss wollte die Verwaltung am Donnerstag, 10. Dezember 2009, ein “grundsätzliches” OK für die von Stadtarchivar Thomas Weiß vorgeschlagene Lösung des Schimmelpilz- und Platzproblemes. Doch weil die Ausschuss- mitglieder konkrete Angaben über Umzugs- und Umbaukosten einer auf mindestens 5 Jahre angelegten Zwischenlösung vermissten, nahmen sie den Hilferuf aus dem Archiv nur zur Kenntnis und beauftragten zunächst den Bau- und Liegenschafts- Ausschuss, in die Planung einzusteigen. Doch der wird frühestens im Februar 2010 tagen, um dann Nägel mit Köpfen zu machen.

Das ehemalige Gemeindeamt in Welper - ob das historische Gebäude unter Denkmalschutz steht, wusste die Bauverwaltung nicht zu sagen. H1-Bild: Stadt Hattingen

Stadtarchiv Thomas Weiß holte am Donnerstag im großen Sitzungssaal des Hattinger Rathauses nach, was sich nicht nur Frank Staaken (Grüne/ Freie Wähler) schon viel früher von der Verwaltung gewünscht hätte: Er informierte über den tatsächlichen Notstand im 1988 bezogenen Gebäude im Welperfeld. Dort platzt das Archiv nicht nur aus allen Nähten, sondern droht durch Schimmelbefall unnutzbar zu werden. Bereits im April 2005 habe er auf den Sporenbefall hingewiesen, der durch warme Luft und feuchte Böden in den Kellerräumen des alten Welperaner Amtshauses begünstigt wird. Eigentlich, so Weiß, habe das Stadtarchiv nach dem Auszug aus der Bahnhofstraße das gesamte, von Professor Georg Metzendorf 1927 geplante und 1928 eingeweihten Gemeindeamtes nutzen sollen – doch nachdem Räume für die städtische Altenstube, die Polizei und sogar eine Privatwohnung abgetreten werden mussten, hätten auch Kellerräume als Aktenlager herhalten müssen. “Eine Notlösung”, wie Baudezernent Wolfgang Schommer erklärte, denn bereits 1988 habe man diese Räume als nicht geeignet für Unterbringung von Archivgut eingestuft.

Der Keller des Welperaner Zwischenarchivs. H1-Bild: Stadt Hattingen

Da ein neuer Archivstandort, für den Weiß rund 1.100 Quadratmeter Fläche vorrechnete, derzeit nicht in Sicht sei, schlägt er in Abstimmung mit dem Westfälischen Archivamt die Einrichtung eines Doppelstandortes vor: das historische Archiv würde im Obergeschoss des Welperaner Hauses verbleiben. Zusätzlich solle für eine Übergangszeit eine geeignete Immobilie gesucht werden, in der auf benötigten 700 Quadratmetern in den kommenden fünf Jahren von angelernten 1- Euro- Kräften zur Unterstützung nicht nur das teilweise mit Pilzen verseuchte Archivmaterial (rund 35.000 Einheiten in 1,6 Kilometern Akten) gereinigt, sondern auch ein arbeitsfähiges Zwischenarchiv eingerichtet werden könne – schließlich muss das Stadtarchiv jährlich mindestens 90 Meter neue Akten einlagern. Geeignete Räume glaubt man im ehemaligen Thyssen- Hochhaus an der Hüttenstraße gefunden zu haben – doch da Wolfgang Schommer außer den monatlichen Kosten von rund 3.650 Euro inklusive der Nebenkosten keine Angaben über Umzugs-, Umbau- und Adaptierungskosten machen konnte, wollte der Haupt- und Finanzausschuss auch nicht den Startschuss für eine auf den Umzug an die Hüttenstraße fixierte Detailplanung geben.

Statt dessen soll die Bauverwaltung nun neben den Investitionskosten für die Hüttenstraßen- Räume, die mindestens für fünf und maximal für 15 Jahre angemietet werden sollen, auch alternative Unterbringungsmöglichkeiten präsentieren und zusätzlich den Pilzssporenbefall in den Büroräumen von Weiß und seinen Mitarbeitern messen. Ausgeschieden ist indes eine Komplettsanierung der Verwaltungsnebenstelle in Welper: die würde rund 800.000 Euro kosten. Schommer: “Da mauern wir lieber die mit Schimmel befallenen Kellerräume zu.”

9 Antworten zu Stadtarchiv: 1 Euro-Kräfte sollen gegen Schimmel kämpfen / Nur Kenntnisnahme statt Startschuss

  1. gucksdu sagt:

    Was mich wundert, diese Stille von den Genossen, die ja doch sonst immer noch Städtisches tun schön reden.
    Hat es nun den letzten Optimisten doch die “Sprache” verschlagen?

  2. Klaus Hesper sagt:

    Wie von “anpeko” in einem anderen Kommentar schon einmal angesprochen wurde, wäre die nun leere Stadt Bibliothek vielleicht ein geeigneter Standort.

    Mit entsprechenden Umbauten könnte hier ein sehr modernes und Zentrales Archiv entstehen. Der Platz wäre ausreichend und mit einem modernen Besucherportal auch noch Bürgernah. Solche Chancen hat die Stadt nicht immer und der Imageschaden könnte eingedämmt werden.

    Ja, wenn und hätte, aber die Stadt möchte ja wieder mal ein, das Gebäude veräußern, damit etwas Geld ins „Stadtsäckel“ kommt. Wird dann bestimmt wieder für andere fragwürdige Projekte ausgegeben oder doch zur Haushaltskonsolidierung?

    Trotz alledem finde ich es unmöglich wie hier mit den Mitarbeitern umgegangen wird und werden soll.

  3. Lars Friedrich sagt:

    Ich halte es für wichtig, nach Alternativen zur Hüttenstraße ausschau zu halten – auch wenn Herr Weiß auf dem Fahrrad schon fast ganz Hattingen abgeklappert hat. Das Wissen der Viele hilft ihm vielleicht doch bei der Standortsuche. Der Hochbunker am Reschop komme wegen des undichten Daches nicht in Frage, hat Herr Schommer am Donnerstag erklärt. Aber wie wäre es mit dem ehemaligen “Deutschen Supermarkt” an der Heggerstraße, direkt über der “Woolworth”? Die Räume sind nach meinem Wissensstand über 1.100 Quadratmeter groß, haben einen eigenen Zugang inkl. Lastenaufzug von der Augustastraße her, keine großen Fenster, aber eine Abluft und ausreichend Bodenbelastbarkeit; das ehemalige italienische Restaurant mit einem weiteren Zugang könnte als Büro genutzt werden – und durch die Lage wäre das Zentralarchiv auch noch wirklich ganz zentral.
    So weit mein Vorschlag – kennen Sie noch weitere Alternativen zum Doppelstandort Hüttenstraße/Im Welperfeld?

  4. Redaktion sagt:

    @ wolfgang1951:

    Nein, kein Irrtum, so soll es sein. Auch in der offiziellen Presseinformation der Stadtverwaltung vom Freitag heißt es: ” Die Arbeiten sollen mit eigenem Personal und mit Unterstützung von 1-Euro-Mitarbeitern erledigt werden.”

  5. wolfgang1951 sagt:

    Das mit den 1-Euro-Kräften muss wohl ein Irrtum sein. Wer da eingesetzt wird, darf ja keine qualifizierten Arbeiten erledigen. Und gegen die folgenden Gesundheitsschäden sind diese auch nicht versichert. Wer diese Idee hatte, muss von der gesamten Materie keine Ahnung haben. Wenn da geklagt würde, kämen durch Bußgelder und Entschädigungen auf die Stadt viel höhere Kosten zu.

  6. stadtbeobachter sagt:

    Vier Jahre Abwarten, Mörtel und Ziegel als Mittel gegen Schimmel, 1-Euro-Kräfte im Kampf gegen Schimmelsporen, aufgeschobene Dringlichkeitsentscheidungen und ein Stadtarchivar, der mit leeren Händen nach Hause geht – wo leben wir bitte eigentlich? Ich dachte das wäre eine Satire! Vielleicht sollten sich einige Zeitgenossen ein anderes Hobby suchen als Politik – Golf ist doch auch ganz nett und viel sozialverträglicher.

  7. anpeko sagt:

    Ja toll!
    Krimineller geht es schon nicht mehr.
    1 Euro-Kräfte sollen gegen Schimmel kämpfen und für einen Euro ihre Gesundheit an die Stadt Hattingen verkaufen, weil sie in dessen Schuld steht?
    Zertifizierte Fachfirmen für Schimmelsanierung haben die Ausrüstung und das technische Know-how und vor allen Dingen das ausgebildete Personal um solche umfassende Arbeiten zu erledigen. Es ist doch nicht damit getan, ein Ganzkörperkondom zu tragen und alles in Kisten und Kästen zu verstauen. Es muss gesäubert, alles richtig verpackt und sauber abtransportiert werden und dann alles zu entsorgen. Danach muss eine Kernsanierung dem Übel an die Wurzel gegangen werden oder wie der scheidende Herr Schommer es vorschlägt, Zitat : „Da mauern wir lieber die mit Schimmel befallenen Kellerräume zu.“ (Tschernobyl lässt grüßen) sollen sich doch nachfolgende Generationen um den Mist kümmern.
    Was sagen die BGen, Gewerbeaufsicht und andere gegen diesen menschenverachtenden Vorschläge? Wo bleibt das aufheulen der Gewerkschaft VERDI ?
    Naja es sind ja nur Hartz IV Empfänger, die das machen sollen, die liegen uns ja doch nur auf der Tasche.
    Vorschlag meiner Seite, die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses könnten doch schon mal
    mit der Sanierung beginnen. Natürlich wird die Schutzkleidung von der der Stadt Hattingen gestellt.

  8. Klaus Hesper sagt:

    Ich kann nur sagen:
    Ich finde das sehr peinlich für unsere Stadt!

  9. gucksdu sagt:

    Sind 1 Euro-Kräfte minderwertige Menschen?

    Sicherlich und generell ist es richtig, Bürger die von Sozialhilfe leben, auch gemeinnützige Arbeiten ausführen zu lassen. Dies wird nach meiner Meinung eh zu wenig gemacht, in der Stadt gibt es reichlich zu tun und genug Empfänger.
    Nur ob es richtig ist, 1 Euro-Kräfte nun diese Archiv-Arbeiten ausführen zu lassen und sie auch mit gesundheitsgefährdenden Materialien auszusetzen, halte ich für falsch.
    Wenn diese Misere so lange bekannt ist und sich die Verwaltung nicht darum gekümmert hat, dann ist Diese, auch wenn es nicht populär war, wohl falsch am Platz.
    Hier muss und sollte eine Fachfirma, die mit solchen Verseuchungen umgehen kann, beauftragt werden. Der Schaden ist schon groß genug, der durch „nichts tun“ der Verwaltung entstanden ist und nicht noch Unschuldige damit beauftragt werden.

    Wurde Herr Schommer aus diesem Grund auch schon nicht wiedergewählt?

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