Kohle weckt Erinnerung: Feierabendhäuser und LWL entwickeln Programm für Menschen mit Demenz


Martina Große Munkenbeck (Pflegedienstleitung der Feierabendhäuser) und Museumspädagoge Börje Nolte präsentieren im geschützten Wohnbereich "Dorfstraße" Geschichten aus dem LWL-Industriemuseum. H1-Fotos: Jens-Martin Gorny / Diakonie Ruhr

(lwl). Die Senioren am Tisch lassen die schwarze Kohlenschaufel durch die Runde kreisen. Einer nach dem anderen nimmt ein Stück Anthrazitkohle in die Hand, betrachtet und befühlt es aufmerksam. „Das glänzt so schön“, sagt eine Frau. „Schwarzes Gold“, ergänzt Börje Nolte. Der pädagogische Mitarbeiter des LWL-Industriemuseums Zeche Nachtigall trägt Bergmannskluft – ein blaues Hemd mit weißen Streifen, eine cremefarbene Hose mit Dreckflecken, der weiße Helm, Gesicht und Hände sind vom Kohlenstaub geschwärzt. Auf dem Tisch steht eine Grubenlampe.

Das Altenzentrum am Schwesternpark Feierabendhäuser der Diakonie Ruhr in Witten und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben eine ungewöhnliche Form der Erinnerungsarbeit ins Leben gerufen und gemeinsam ein Angebot entwickelt, das sich speziell an demenziell erkrankte Menschen richtet. Seit Oktober 2010 besuchen Börje Nolte und seine Kollegin Hildegard Priebel jede Woche den geschützten Bereich „Dorfstraße“ des Altenzentrums an der Pferdebachstraße. Dort leben 24 demenziell erkrankte Bewohner. Aufgemaltes Fachwerk an der Wand, Hausnummernschilder an den Zimmertüren und historische Ansichten von Witten vermitteln den Charakter einer Dorfstraße und sorgen für Orientierung.

In diesem Ambiente präsentieren die Museumspädagogen ausgewählte Objekte und Geschichten aus dem LWL-Industriemuseum. Dabei achten sie auf einen Bezug zur ehemaligen Lebenswelt der Teilnehmer. Alle Sinne werden angesprochen, wiederkehrende Elemente wecken Erinnerungen. So gehört das „Steigerlied“ als fester Bestandteil zu jeder Sitzung dazu. Denn demenziell erkrankte Bewohner brauchen Orientierungshilfen und immer wiederkehrende Rituale, die es ihnen ermöglichen, ihren Tagesablauf zu strukturieren.

Unter den Senioren am Tisch hat sich ein lebhaftes Gespräch über das richtige Anzünden von Kohle entwickelt. Einige Teilnehmer hatten früher noch selbst einen Kohleofen – und erinnern sich genau, dass erst Papier und dann Holz entzündet werden mussten, bevor die Kohle brannte und ihre wohlige Wärme entfalten konnte. Als Nolte ein rostiges Hufeisen auf den Tisch legt und fragt, wie es an den Pferdehuf angepasst wird, läuft ein Bewohner zur Hochform auf. „Das kann man doch drehen“, ruft der frühere Schmied. „Man muss nur ein bisschen kloppen.“ Er schnappt sich den schweren Schmiedehammer und schlägt begeistert zweimal leicht auf das Hufeisen.

„Bei der Auswahl der Bewohner haben wir natürlich darauf geachtet, dass sie einen Bezug zu dem Thema haben“, erklärt Martina Große Munkenbeck, Pflegedienstleitung des Altenzentrums. „Die Bewohner fühlen sich zum Teil durch Identifikation mit dem Erlebten in ihrer Zeit und können sie mit allen Sinnen erleben.“ Weitere wichtige Kriterien bei der Zusammenstellung der Gruppe waren die Aufnahmefähigkeit, eine geringe Wanderungstendenz und das Wohlbefinden der Bewohner. Von den 24 Senioren, die an der „Dorfstraße“ leben, nehmen acht regelmäßig an dem Betreuungsangebot des LWL-Industriemuseums teil.

Die Grubenlampe auf dem Tisch brennt, Börje Nolte stimmt mit den Senioren zum Abschied das „Steigerlied“ an. Einige Teilnehmer haben inzwischen schwarze Finger. Aber ihre Augen leuchten.

„Die Zusammenarbeit mit dem LWL ist eine ungewöhnliche und äußerst positive Ergänzung im Tagesablauf der Bewohner“, sagt Andreas Vincke, Einrichtungsleiter der Feierabendhäuser. „Sie wirkt sich nachhaltig auf das Wohlbefinden der beteiligten Personen aus.“

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Kategorien: ENneu - Von Ennepe und Ruhr, Witten | Hinterlasse einen Kommentar

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