Antworten am Lesertelefon: „Ohne Impfschutz treffen Kinderkrankheiten auch Erwachsene!“


Vetter, Peters und von Schrader-Beielstein. H1-Bild: pr.nrw

(pr.nrw) Impfpass verloren, seit Jahren nicht mehr daran gedacht: Das Thema Impfen gerät bei vielen Erwachsenen leicht in Vergessenheit. Dabei ist ein kompletter Impfschutz für Erwachsene nicht weniger wichtig als für Kinder. Und die letzte Aktualisierung der Impfempfehlungen durch die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut im Sommer 2010 brachte in erster Linie für die Großen Neues. Alle Fragen rund ums Impfen für Erwachsene beantworteten die Experten unserer Telefonaktion den Leserinnen und Lesern. An dieser Stelle das Wichtigste zum Nachlesen:

Ich dachte, die Masern sind eine Kinderkrankheit. Warum sollen sich jetzt auch Erwachsene dagegen impfen lassen?
Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein: Auch Erwachsene, die keinen ausreichenden Impfschutz haben, können an Masern erkranken – bei ihnen verläuft die Krankheit sogar oftmals schwerer als im Kindesalter. Bei den Masernausbrüchen der letzten Jahre ließ sich beobachten, dass besonders häufig junge Erwachsene Überträger der Infektionskrankheit waren. Zum eigenen Schutz und um ungeimpfte Personen im Umfeld vor einer Ansteckung zu bewahren, hat die STIKO daher 2010 ihre Impfempfehlung für Erwachsene aktualisiert: Alle nach 1970 Geborenen mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit sollen die Impfung jetzt mit einem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln nachholen. Frauen sollten dabei unbedingt zwei nachweisbare Röteln-Impfungen haben.

Was ist so gefährlich an einer Maserninfektion?
Dr. med. Volker Vetter: Die Masern sind häufig begleitet von Komplikationen wie einer Mittelohr- und Lungenentzündung, bei einem von tausend Masernkranken kommt es zu einer gefährlichen Gehirnentzündung. Diese endet für jeden fünften Betroffenen tödlich, bei weiteren 30 bis 40 Prozent kommt es zu bleibenden Behinderungen. Eine besonders schwere Komplikation ist die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE): eine über mehrere Jahre langsam fortschreitende Form der Gehirnentzündung, die immer tödlich endet. Besonders gefährdet sind Kinder, die vor ihrem zweiten Geburtstag mit Masern infiziert wurden. Ausreichend geimpfte Erwachsene mindern das Ansteckungsrisiko für die kleinen Säuglinge, die selbst noch zu jung für eine Impfung sind.

Ich habe gelesen, dass Frauen sich außerdem gegen Röteln und Keuchhusten impfen lassen sollten. Warum?
Dr. med. Klaus Peters: Die STIKO hat 2010 die Impfempfehlungen für die Keuchhusten- und Rötelnimpfung auf alle Frauen im gebärfähigen Alter mit unzureichendem Impfschutz erweitert. Eine Keuchhustenimpfung sollte demnach nicht länger als zehn Jahre zurückliegen. Gegen Röteln sollten alle Frauen dieser Altergruppe nachweisbar zwei Impfungen haben. Der Hintergrund dieser Empfehlungen ist der Schutz ungeborener und neugeborener Kinder: Erkrankt eine Frau während der Schwangerschaft an Röteln, kann es beim Embryo zu schweren Missbildungen kommen. Steckt eine Mutter ihr Neugeborenes mit Keuchhusten an, kann die Erkrankung für das Baby lebensbedrohlich sein.

Ich habe meinen Impfpass verloren und weiß nicht, gegen welche Kinderkrankheiten ich in der Kindheit geimpft wurde. Soll ich mich trotzdem impfen lassen?
Dr. Vetter: Ja, die Impfempfehlungen für die Masern- und Rötelnimpfung gelten auch für Personen mit unklarem Impfstatus. Selbst wenn Sie in der Kindheit bereits ausreichend geimpft worden sein sollten, geht von einer neuerlichen Impfung keine erhöhte gesundheitliche Gefährdung aus.

Welche Impfungen sind für Frauen mit Kinderwunsch sonst noch wichtig?
Dr. Peters: Neben einem ausreichenden Impfschutz gegen Masern, Röteln und Keuchhusten sollten Frauen mit Kinderwunsch auch gegen Windpocken geimpft werden, sofern sie die Krankheit noch nicht durchgemacht haben.

Kann ich mich während der Schwangerschaft impfen lassen?
Dr. Peters: Lebendimpfstoffe wie die Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken dürfen Schwangere nicht erhalten. Es sollten sogar mindestens drei Monate zwischen einer Impfung und der Empfängnis liegen. Impfungen mit Totimpfstoffen wie der Grippeschutzimpfung sind dagegen auch in der Schwangerschaft möglich. Die Grippe-Impfung ist sogar für Schwangere ausdrücklich empfohlen.

Ich bin schwanger und habe alle empfohlenen Impfungen. Sollten mein Mann und die werdenden Großeltern sich auch gegen Keuchhusten impfen lassen?
Dr. Vetter: Unbedingt! Steht die Geburt eines Kindes bevor, sollten alle engen Kontaktpersonen des Haushalts einen Impfschutz gegen Keuchhusten haben. Neben dem Vater und den werdenden Großeltern also auch Geschwister, Babysitter oder häufige Besucher. So ist das Neugeborene mit einem Schutzwall von geimpften Personen umgeben und gut vor einer gefährlichen Keuchhusten-Infektion geschützt.

Welche Impfungen müssen sonst noch regelmäßig aufgefrischt werden?
Dr. von Schrader-Beielstein: Alle zehn Jahre sollten Erwachsene ihren Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten auffrischen lassen. Steht eine Reise in Gebiete bevor, in denen die Kinderlähmung noch vorkommt, sollte die Impfung zusätzlich den Polioschutz enthalten.

Sollte meine 12-jährige Tochter bereits jetzt die HPV-Impfung gegen Gebärmutter-halskrebs erhalten oder können wir damit noch ein paar Jahre warten?
Dr. Peters: Je eher Ihre Tochter geimpft wird, desto besser. Zum einen ist die Immunität bei früh Geimpften höher als bei Mädchen, die zu einem späteren Zeitpunkt die Impfung erhalten. Zum anderen macht eine Impfung vor dem ersten sexuellen Kontakt am meisten Sinn.

Zahlt die Krankenkasse die Impfungen?
Dr. Peters: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für alle Impfungen, die von der STIKO empfohlen werden und vom Gemeinsamen Bundesausschuss in die Schutzimpfungs-Richtlinie aufgenommen sind. Wenn Sie nur zum Impfen in die Arztpraxis gehen, entfällt auch die Praxisgebühr von zehn Euro.

Für wen ist eine Grippe-Impfung sinnvoll?
Dr. von Schrader-Beielstein: Die Grippe-Impfung wird von der STIKO allen chronisch Kranken und Menschen ab 60 Jahren sowie Schwangeren ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft empfohlen – liegt ein Grundleiden vor bereits ab dem ersten Schwangerschaftsdrittel. Denn Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Aber auch alle anderen Menschen können von einer Grippe-Impfung profitieren – auch wenn sie sie möglicherweise selbst bezahlen müssen.

Ich bin 80 Jahre alt und habe von meiner Zwillingsschwester erfahren, dass ältere Menschen in Amerika gegen Gürtelrose geimpft werden. Sollte ich mich auch impfen lassen?
Dr. Peters: Die Impfung gegen Gürtelrose ist bei uns zwar nicht offiziell empfohlen, aber dennoch sinnvoll. Eine Gürtelrose wird durch Windpocken-Viren hervorgerufen. Bei älteren Menschen kann die Immunität gegen diese Krankheit schwächer werden – auch wenn sie als Kind eine Windpocken-Erkrankung durchgemacht haben.

Ich betreue privat in meiner Wohnung Kinder als Tagesmutter. Welche Impfungen sollte ich haben?
Dr. Peters: Wenn Sie kleine Kinder betreuen, gelten für Sie die gleichen Impfempfehlungen wie für Personen, die offiziell in Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder arbeiten. Sie sollten also auf einen aktuellen und kompletten Impfschutz achten. Das schützt Sie und Ihre kleinen Schützlinge vor ernsten Erkrankungen. Sollte sich ein Kind bei Ihnen beispielsweise mit Masern oder Keuchhusten anstecken, könnte das für Sie auch juristische Konsequenzen haben.

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Kategorien: Leseraktionen, Service | Hinterlasse einen Kommentar

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