Atom-Gau: Angst vor dem Unkalkulierbaren/ Psychiater: Ruhe schützt vor Panikgefühlen


(lwl). Die Katastrophe geht nah: 25 Jahre nach Tschernobyl verspüren zumindest Teile der Bevölkerung wieder die Furcht vor dem radioaktiven Fallout. Psychiater Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Psychiatriekliniken Lippstadt und Warstein, zu Aspekten aktueller Ängste.

Jodtabletten bunkern, Geigerzähler kaufen: Die japanische Reaktorkatastrophe ruft hierzulande Angstreaktionen hervor. Verständlich aus psychologisch-psychiatrischer Sicht?

Leßmann: Visualisierte und unmittelbar per Internet oder Fernsehen übertragene Schreckensbilder erinnern uns sehr viel schneller als früher an die eigene Zerbrechlichkeit und potentielle Hilflosigkeit. Wir sind als soziale Wesen geprägt, Mitleid zu verspüren und um die eigene Gefährdung zu wissen. Wenn dann hinzukommt, dass – wie in diesem Fall – Auslöser für eine Katastrophe in Rede stehen, welche zumindest vom Prinzip her auch bei uns vorhanden und störanfällig sind, kann dies schnell eine emotional aufgeheizte Diskussion hervorrufen, bei der auch nicht nur von Vernunft geleitete Argumente und Verhaltensweisen zum Tragen kommen.

Wie schützt man sich am besten vor Panikgefühlen?

Leßmann: Bei Panikattacken oder Panikgefühlen besteht der erste Schritt der Bearbeitung immer darin, sich das reale Angst auslösende Objekt möglichst in Ruhe und mit Abstand anzusehen, sich Für und Wider der Gefährdung zu verdeutlichen, neutrale Experten zu Wort kommen zu lassen, um die nötige objektive Distanz in der Bewertung zu erreichen. Je mehr Informationen man sich über das Angst machende Objekt einholt, desto größer wird die Chance, subjektiv einen sachgerechten Abstand zu erhalten, von dem aus die Beurteilung einer Gefährdung rationaler wird.

Ohnmacht vor dem Unspürbaren – macht radioaktive Strahlung den Menschen ein besonders subtiles Angstgefühl?

Leßmann: Hier wirkt wohl die Unausweichlichkeit und die unkalkulierbare Schädigung, welche eine radioaktive Strahlung für den Menschen bzw. biologische Organismen haben kann. Die Ahnung davon, was im Körper dadurch alles geschädigt werden kann und dass Krankheiten – vor allem Krebserkrankungen – hervorgerufen werden können, die bis heute nur schwer therapeutisch anzugehen sind, hinterlässt nicht nur ein resignatives Gefühl, sondern kann tatsächlich konkrete Angst auslösen. Dieses Unkalkulierbare und diese Ohnmacht erzeugen verständlicherweise Unbehagen, Angst, bis hin zur irrationalen Hysterie.

Spüren Sie als Behandler bei Ihren Patienten ausgeprägte Sensibilitäten aufgrund der aktuellen Vorkommnisse in Japan?

Leßmann: Sowohl bei ambulanten wie auch bei stationären Patientinnen und Patienten wird das Thema sehr wohl diskutiert. Besondere Intensitäten habe ich dabei aber aktuell nicht wahrnehmen können, wohl aber nachvollziehbare Sorgen wie in der übrigen Bevölkerung auch.

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