„Um allen Beschwerden gerecht zu werden, brauchen wir eine multimodale Schmerztherapie!“


Dres. Strick, Pelzer. H1-Bild: pr.nrw

(pr.nrw) Menschen mit chronischen Schmerzen sind in ihrer Lebensqualität häufig erheblich beeinträchtigt. Und nahezu zwei Drittel von ihnen fühlen sich medizinisch nicht gut versorgt, so das Ergebnis einer Patientenbefragung der Deutschen Schmerzliga e.V.. Die Ursachen dafür sind vielfältig: In der Medizinausbildung kommt das Thema „Schmerztherapie“ zu kurz, die Zahl qualifizierter Therapeuten deckt den Bedarf bei Weitem nicht und die Behandlung von Schmerzen ist zeitaufwändig und komplex. An unserem Lesertelefon konnten Betroffene mit ausgewiesenen Schmerzexperten sprechen. An dieser Stelle die häufigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Wie viel Schmerz ist „normal“ – und wann sollte ich zum Arzt gehen?
Dr. med. Carlo Pelzer:
Mediziner unterscheiden zwischen akuten Schmerzen, die eine klar benennbare Ursache haben und in direktem Zusammenhang mit Verletzungen oder Krankheitsprozessen auftreten, und chronischen Schmerzen, die sich von der ursprünglichen Ursache entkoppelt und zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt haben. Um eine Chronifizierung zu vermeiden, sollten akute Schmerzen rechtzeitig mit passenden Schmerzmedikamenten behandelt werden. Jeder Schmerz, der mehrere Tage andauert und als intensiv und belastend empfunden wird, sollte dem Arzt vorgestellt werden.

Warum werden Schmerzen chronisch – und was ist so problematisch daran?
PD Dr. med. Thomas Meuser: Bei der Chronifizierung von Schmerzen bildet sich ein so genanntes Schmerzgedächtnis aus. Bleibt ein akuter Schmerz unbehandelt, kann es zu Veränderungen an Nervenzellen des Rückenmarks kommen, die nun auch bei leichten Reizen, wie Berührungen, Schmerzsignale ans Gehirn weiterleiten. Die Behandlung dieser so genannten Schmerzkrankheit ist sehr komplex und zeitaufwändig. Die ursprüngliche Ursache des Schmerzes muss ermittelt, der bisherige Verlauf der Schmerzen betrachtet und die Art des Schmerzes bestimmt werden. Nur dann ist eine effektive Schmerztherapie möglich.

Dres. Meuser, Schürmann. H1-Bild: pr.nrw

Welche Medikamente werden heute in der Schmerztherapie eingesetzt?
PD Dr. Meuser: Zur medikamentösen Behandlung von Schmerzen stehen unterschiedliche Wirkstoffklassen zur Verfügung: Nicht-Opioide und nicht-steroidale Antirheumatika, die so genannten NSARs, sind größtenteils frei verkäuflich und werden bei leichten bis mäßig starken Schmerzen eingesetzt. Opioide sind besonders wirksame Schmerzmittel, die die körpereigene Schmerzhemmung nachahmen und verstärken. Neu ist die Wirkstoffklasse der so genannten MOR-NRI, die auf einem zweifachen Wirkprinzip beruht. Die Substanz kann gleichzeitig bei unterschiedlichen Schmerzarten helfen und setzt an mehreren Stellen der Schmerzwahrnehmung an. Daneben kommen noch Psychopharmaka und krampflösende Medikamente zum Einsatz. Der Therapieerfolg der modernen Schmerztherapie basiert dabei immer auf drei Säulen: auf einer ausreichenden Schmerzlinderung, einer guten Verträglichkeit der eingenommenen Medikamente und der Verbesserung der Lebensqualität des Patienten.

Was bestimmt die Wahl des passenden Medikaments – die Stärke des Schmerzes?
Dr. Norbert Schürmann: Ein modernes Behandlungskonzept sollte mechanismen-orientiert sein und drei Charakteristika des Schmerzes berücksichtigen: die Dauer, die Stärke und die Art. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verträglichkeit der eingesetzten Medikamente. Opioide kommen heute beispielsweise nicht erst in einem späten Stadium der Schmerzbehandlung sondern recht frühzeitig zum Einsatz, um eine Chronifizierung zu vermeiden. Die NSARs sind nur für die Akutphase geeignet, da sie bei längerem Gebrauch starke Nebenwirkungen verursachen können. Häufig äußern sich Schmerzen nicht nur in einem Erscheinungsbild: Leiden Patienten sowohl an Gewebe- als auch Nervenschmerzen, spricht man von einem gemischten Schmerz. Für sie kommen Substanzen infrage, die bei beiden Schmerzarten wirksam sind. So individuell wie der Schmerz, sollte auch die Behandlung sein.

Mein Arzt hat mir zur Behandlung meiner starken Rückenschmerzen ein Opioid verschrieben. Seitdem ist mir übel und ich leide unter Verstopfung – soll ich das Medikament lieber wieder absetzen?
Dr. Schürmann: Übelkeit, Schwindel, Benommenheit und Verstopfung sind häufige Nebenwirkungen von Opioiden, die aber in der Regel im Verlauf der Therapie verschwinden. Die Übelkeit und die Verstopfung sollten in der Anfangsphase der Opioid-Therapie gezielt behandelt werden. Fragen Sie Ihren Arzt danach, aber verändern Sie keineswegs eigenmächtig die Dosierung oder setzen das Medikament selbstständig ab! Bessern sich Ihre Beschwerden im Verlauf der Therapie nicht, sollten Sie mit Ihrem Arzt über einen Medikamentenwechsel sprechen.

Ich habe Angst von den starken Schmerzmedikamenten, die mein Arzt mir verschrieben hat, abhängig zu werden…
PD Dr. Meuser: Kranke Menschen sind grundsätzlich von ihren Medikamenten abhängig. So wie ein Diabetiker sein Insulin braucht, benötigen Menschen mit chronischen Schmerzen ihre Schmerzmedikamente. Die meisten Patienten fürchten sich auch nicht vor der Abhängigkeit, sondern haben Angst vor einer Sucht. Bei richtiger Dosierung der Medikamente kann eine Sucht aber gar nicht auftreten. Das Thema spielt in der täglichen Schmerztherapie keine Rolle.

Ich leide unter chronischen Schmerzen, nehme aber nicht dauerhaft Medikamente ein, sondern nur nach Bedarf. Ist das sinnvoll?
Dr. Pelzer: In der modernen Schmerztherapie versuchen wir dem Schmerz vorauszugehen, anstatt ihm hinterherzulaufen. Für die meisten Patienten mit chronischen Schmerzen ist es erfahrungsgemäß besser, kontinuierlich ihre Medikamente nach der Uhr einzunehmen. So beugen wir der Entstehung von Schmerzspitzen vor und machen die Betroffenen unabhängiger von ihrem Schmerz.

Gibt es neben den Medikamenten noch andere Ansätze in der Behandlung von Schmerzen?
Dr. med. Volker Strick: Neben der medikamentösen Behandlung kommen heute in der medizinischen Schmerztherapie auch bildgesteuerte invasive Verfahren zum Einsatz. Es ist uns möglich, mittels Röntgen- oder Computertomographie-Aufnahmen den Schmerzauslöser bildlich darzustellen und gezielt zu behandeln: mit Injektionen oder Neurolysen – das sind Zerstörungen von schmerzleitenden Nervenfasern – sowie Neuromodulationen, einer Veränderung der Leitfähigkeit für Schmerzreize. Die medikamentöse und die invasive Therapie schaffen häufig erst die Voraussetzung, dass die Patienten eine langfristige, intensive Physiotherapie betreiben können. Für die meisten degenerativen Erkrankungen gilt nämlich, dass mittel- und langfristig nur die Beweglichkeitssteigerung und der Kraftzuwachs therapeutisch wertvoll sind. Maßnahmen wie Massagen oder Fangopackungen haben dagegen nur kurzfristige Effekte.

Welchen Stellenwert hat die Psychotherapie in der Schmerzbehandlung?
Dr. Strick: Jeder chronische, körperlich begründete Schmerz zieht im Laufe der Zeit psychische Veränderungen nach sich. Die Patienten geraten in einen Teufelskreis: Je schlechter ihre Gemütslage ist, desto stärker empfinden sie ihren Schmerz. Die Patienten leiden nicht Schmerzen, weil sie psychisch krank sind, sondern umgekehrt: Bei etwa 90 Prozent der Betroffenen liegt primär ein körperlich bedingter Schmerz vor, der psychische Veränderungen nach sich zieht. Um den körperlichen und psychischen Beschwerden gerecht zu werden, brauchen wir eine multimodale Schmerztherapie, die beide Veränderungen von unterschiedlicher Seite bekämpft.

Ist mein Hausarzt der richtige Ansprechpartner bei Schmerzen?
Dr. Pelzer: Der Hausarzt ist in der Regel der erste Ansprechpartner bei Schmerzen. Leider werden chronische Schmerzen als solche aber nicht immer erkannt. Wichtig ist, dass Ihr Arzt abklärt, was die Grundlage des Schmerzes ist und welche Mechanismen ihm zugrunde liegen. Keinesfalls sollte er Sie einfach mit einem Rezept für Schmerzmittel nach Hause schicken. Bessern sich Ihre Beschwerden innerhalb weniger Wochen nicht, sollte Ihr Arzt Sie an einen Spezialisten überweisen.

Wie finde ich einen qualifizierten Schmerztherapeuten?
PD Dr. Meuser: Eine qualifizierte Schmerztherapie bieten Schmerzzentren oder niedergelassene Ärzte mit einer Ausbildung und fundierten Kenntnissen in der Schmerztherapie an. Die Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ weist auf eine entsprechende Qualifikation hin. Eine Liste der etwa 120 Schmerzzentren der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. finden Sie im Internet unter http://www.dgschmerztherapie.de. Bei der Deutschen Schmerzliga e.V. erhalten Sie die Anschriften schmerztherapeutisch qualifizierter Ärzte in Ihrer Region. Unter http://www.schmerzliga.de, Menüpunkt „Therapeutensuche“, können Sie eine entsprechende Anfrage versenden.

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