Lesertelefon: „Die motorischen Symptome machen nur einen Teil der Parkinson-Erkrankung aus!“


Experten am Telefon: Timmermann, Allert, Skodda. H1-Bild: pr.nrw

(pr.nrw) Rund 300.000 Menschen leiden in Deutschland an der unheilbaren Nervenkrankheit Parkinson. Sie alle müssen ihren Alltag mit Medikamenten, Therapien und kleinen oder großen Einschränkungen und Problemen meistern. Die moderne Behandlung von Parkinson kann den meisten Betroffenen über lange Zeit ein selbstständiges Leben ermöglichen – ist aber komplex und sollte individuell den vorhandenen Beschwerden angepasst werden. Dazu haben die Betroffenen häufig Fragen. Anlässlich des Welt-Parkinson-Tages 2011 standen ausgewiesene Experten unseren Leserinnen und Lesern Rede und Antwort. An dieser Stelle die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Muss ich die vielen Tabletten gegen Parkinson wirklich nehmen? Heilbar ist die Krankheit doch sowieso nicht…
Prof. Dr. med. Lars Timmermann: Patienten, die ihre Medikamente regelmäßig nehmen, haben eine bessere Lebensqualität und weniger Komplikationen im Krankheitsverlauf, wie Lungenentzündungen oder schwere Stürze. Außerdem haben wir mit Rasagilin ein Präparat, von dem wir annehmen, dass es den Krankheitsverlauf um etwa ein Drittel verlangsamt! Es ist daher auf jeden Fall sinnvoll, die verordneten Tabletten konsequent einzunehmen.

Ich habe etwas über eine neuartige Gentherapie gelesen. Ist diese schon einsetzbar?
Dr. med. Lars Wojtecki:
Nein, die Therapie von der Sie sprechen, befindet sich noch in einem experimentellen Stadium, es hat gerade die erste kontrollierte Studie dazu stattgefunden. Bei dem Verfahren werden gentechnisch veränderte Viren ins Gehirn gespritzt, die dort einen Botenstoff produzieren. Es wurde zwar ein Effekt nachgewiesen, dieser ist mit etwa 15 Prozent jedoch relativ klein. Zum Vergleich: Durch Einsetzen eines Hirnschrittmachers erreichen Sie einen viel besseren Effekt – und das mit einem etablierten Verfahren. Über die Langzeitwirkungen der Gentherapie ist dagegen noch nichts bekannt. Dennoch ist es möglicherweise eine vielversprechende neue Therapieoption für die Zukunft.

Ich habe gegen meine Halluzinationen Neuroleptika verschrieben bekommen. Seitdem haben sich meine motorischen Symptome verschlechtert…
Dr. Wojtecki:
Einige Medikamente, die gegen Halluzinationen, Unruhe und Angstzustände gegeben werden, können die Beweglichkeit von Parkinson-Kranken verschlechtern. Hier nutzt es nichts, die Präparate gegen die motorischen Störungen aufzudosieren, da das wiederum die Halluzinationen verstärken kann. Sie sollten Ihre Beschwerden unbedingt mit Ihrem Neurologen besprechen, der Ihnen dann ein anderes Medikament verschreiben sollte.

Ich bin erst 40 und mein Arzt will mir wegen meines jungen Alters kein L-Dopa verschreiben – warum?
Dr. med. Niels Allert:
Wird L-Dopa über mehrere Jahre eingenommen, kann es zu Schwankungen in der Wirkung und unwillkürlichen Bewegungen – den so genannten Dyskinesien – kommen. Bei jüngeren Erkrankten muss die lange Behandlungsdauer berücksichtigt werden. Sie sollten zunächst mit einem Dopaminagonisten behandelt werden und erst in einem späteren Krankheitsstadium L-Dopa erhalten, um die Langzeitfolgen der Therapie möglichst lange hinauszuzögern.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es noch, wenn es unter der Gabe von L-Dopa zu Komplikationen kommt?
Dr. Allert:
Wir haben drei Ansätze in der so genannten Eskalations-Therapie: Konstante Wirkstoffspiegel erreichen wir mit einer Apomorphin-Pumpe, die den Wirkstoff kontinuierlich in das Gewebe abgibt oder einer Duodopa-Pumpe, bei der über eine Sonde der Wirkstoff direkt in den Darm gelangt. Die dritte Behandlungsoption bietet die Tiefe-Hirnstimulation, bei der Elektroden in das Gehirn der Betroffenen implantiert werden. Wichtig zu wissen ist: Auch diese Therapien können das Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten. Sie kommen nur für einen Teil der Patienten mit ganz bestimmten Störungsbildern infrage.

Ich leide seit 25 Jahren an Parkinson. Seit kurzem kann ich nicht mehr gehen und auch meine Stimmung ist im Keller. Kann man jetzt überhaupt noch was machen?
Prof. Timmermann:
Durch eine intensive medikamentöse Therapie, eventuell das Einsetzen eines Hirnschrittmachers und gezielte krankengymnastische Übungen, kann auch bei Langzeitpatienten eine deutliche Besserung der Beschwerden erzielt werden. Sie sollten die Hoffnung nicht aufgeben!

Meine motorischen Parkinson-Symptome haben sich dank der Medikamente deutlich gebessert. Ich fühle mich aber häufig sehr müde und depressiv, außerdem schlafe ich schlecht. Kann das auch mit der Erkrankung zusammenhängen?
Dr. med. Sabine Skodda:
Wir wissen heute, dass die motorischen Symptome nur einen Teil der Parkinson-Erkrankung ausmachen. Die überwiegende Mehrzahl der Patienten leidet daneben unter nicht-motorischen Symptomen des vegetativen Nervensystems, wie Störungen der Kreislaufregulation, der Blasenkontrolle, der Magen-Darm-Funktion oder des Schlafs. Auch psychiatrische Symptome wie Angst, Depressionen oder Antriebslosigkeit beobachten wir häufig. Es ist wichtig, dass diese Beschwerden als Teil der Parkinson-Erkrankung wahrgenommen und mit dem behandelnden Neurologen besprochen werden. Dann ist es auch möglich, die individuell vorhandenen Symptome gezielt zu therapieren.

Seit kurzem bekomme ich in der Apotheke nicht mein übliches Medikament, sondern ein anderes mit dem gleichen Wirkstoff. Das vertrage ich aber schlechter – kann das sein, wenn doch das gleiche drin ist?
Regine Wilhelms, Apothekerin:
Original-Präparat und Generikum müssen den gleichen Wirkstoff in gleicher Menge enthalten. Allerdings können Füllstoffe und Beimengungen abweichen, was gegebenenfalls zu Beschwerden führen kann. Außerdem kann bei einem gut eingestellten Parkinson-Patienten, der unter Umständen eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen muss, jede Veränderung problematisch sein. Besprechen Sie sich in jedem Fall mit Ihrem Arzt.

Kann ich darauf bestehen, mein altes Medikament zu erhalten?
RA Friedrich-Wilhelm Mehrhoff
: Die Rabatt-Verträge zwingen die Apotheken dazu, das preisgünstigste vergleichbare Medikament abzugeben. Wenn eine persönliche Unverträglichkeit vorliegt, kann Ihr Arzt aber mit einer so genannten aut idem Verordnung sicherstellen, dass Sie auch wirklich das verordnete Original-Medikament erhalten. Tun Ärzte dies zu häufig, sehen sie sich allerdings mit Regressforderungen der Krankenkassen konfrontiert. Das Problem lässt sich langfristig nur politisch lösen.

Kann die Parkinson-Erkrankung auch mit kognitiven Einschränkungen einhergehen – und sind diese behandelbar?
Dr. Skodda:
Wir wissen leider, dass die Parkinson-Erkrankung bei einem erheblichen Teil der Patienten mit kognitiven Störungen einhergehen kann. Besonders gefährdet sind Patienten, die in höherem Lebensalter an Parkinson erkranken. Es gibt ein Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Demenz, das auch zur Therapie von Parkinson-Patienten mit kognitiven Störungen zugelassen ist und die Beschwerden lindern kann.

Wie sinnvoll sind begleitende Therapien – und wie wirken diese genau?
Dr. Skodda:
Begleitende Therapien wie Krankengymnastik und Sprachtherapie sind sehr sinnvoll und sollten in allen Phasen der Erkrankung zum Einsatz kommen! In der Sprachtherapie gibt es eine spezielle Methode – das Lee Silverman Voice Training (LSVT©) – das nachweislich zur Behandlung von Stimm- und Sprechstörungen von Parkinson-Kranken besonders geeignet ist. Für die Krankengymnastik gibt es mit der BIG©-Therapie einen vielversprechenden Ansatz, der zurzeit in Studien untersucht wird. Wichtig ist in jedem Fall eine aktive Krankengymnastik – im Idealfall machen die Patienten täglich ihre Übungen zuhause. Wir wissen heute, dass die aktiven Therapien die Plastizität des Gehirns anregen, es also Wege findet, die krankheitsbedingten Defizite auszugleichen. Anleitungen gibt auch die Deutsche Parkinson Vereinigung e.V. (dPV), im Internet zu finden unter http://www.parkinson-vereinigung.de.

Lassen sich durch sportliche Aktivitäten ähnliche Effekte erzielen?
Dr. Allert:
Wir raten allen unseren Parkinson-Patienten zu viel Bewegung. Bei sportlicher Betätigung erhält das Gehirn bestimmte Reize, so lassen sich Koordination und Beweglichkeit verbessern. Besonders geeignet ist beispielsweise Nordic Walking.

Ich empfinde die Parkinson-Erkrankung meines Mannes als sehr belastend, weil ich häufig gar nicht nachvollziehen kann, was bei ihm gerade passiert…
Dr. med. Martin Südmeyer:
Wir versuchen immer die Angehörigen einzubinden, sie also auch an den fachlichen Gesprächen zu beteiligen. Die Erfahrung zeigt, dass Angehörige, die wenige Informationen über die Krankheit haben, diese häufig als sehr viel belastender empfinden als gut informierte Partner. Sprechen Sie mit Ihrem Mann und dem behandelnden Neurologen, ob Sie künftig an den Terminen teilnehmen dürfen. Auch sollten Sie Ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht aus den Augen verlieren. Gönnen Sie sich gezielt Auszeiten, in denen Sie wieder zu Kräften kommen.

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